Schlagabtausch auf dem Podium

Landwirtschaftstag der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Neumünster: Am neuen Naturschutzgesetz scheiden sich die Geister Neumünster

Sie reden mit- und gegeneinander: Bauern-Vizepräsident Peter Lüschow (Mitte) und Grünen-Landwirtschaftsminister Robert Habeck (rechts) unter der Moderation von Dietrich Holler (links). Foto: Michael Staudt

„So heftig war es noch nie“, wird Willi Scharf am Ende sagen. Der 71-Jährige aus Fahrdorf bei Schleswig ist einer von 1200 Gästen in den Holstenhallen in Neumünster beim achten Landwirtschaftstag der Volksbanken und Raiffeisenbanken (VR). Der wird zum Schlagabtausch – vornehmlich zwischen dem Landwirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) und den Vertretern des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Vizepräsident Peter Lüschow und Generalsekretär Stephan Gersteuer.

Doch bevor es richtig zur Sache geht, leitet Matthias Lau, Vorstand der VR Bank Neumünster, den Tag in seiner Begrüßungsrede mit lobenden Worten ein: „Ein entscheidender Motor für die wirtschaftliche Entwicklung in Schleswig-Holstein ist und bleibt die Landwirtschaft.“ Diese Branche habe „im echten Norden“ eine ganz bedeutende Rolle.

Doch die Landwirte fühlen sich eingeengt – von der EU-Bürokratie und vor allem durch das neue Naturschutzgesetz des Landes. Danach sollen Menschen abgeerntete Felder betreten dürfen.

Angestoßen von Moderator Dietrich Holler, entbrennt sogleich darüber eine engagierte Diskussion. Die Landwirte brandmarken dieses Begehungsrecht als „Zwangssozialisierung“. „Dann wäre ja ganz Deutschland zwangssozialisiert“, entgegnet Habeck. Denn: Überall gebe es das Begehungsrecht, nur nicht in Mecklenburg-Vorpommern und eben auch nicht in Schleswig-Holstein. Lüschow kontert: „Wir müssen in Schleswig-Holstein nicht alles nachmachen, was deutschlandweit gilt.“ Der Laie könne gar nicht einschätzen, wann ein Feld wirklich abgeerntet ist. „Und dass jeder mit seinem Fiffi über das Feld geht, ist nicht gerade im Sinne des Artenschutzes“, meint der Bauernvizepräsident.

Das Vorkaufsrecht für Ausgleichsflächen – ebenfalls ein Streitpunkt aus der Gesetzesvorlage. Für Habeck ist klar: Für Autobahnen, Stromtrassen oder Gewerbegebiete müsse ein Gegengewicht in der Natur geschaffen werden. „Sonst ist es nicht mehr das Schleswig-Holstein, das wir alle lieben“, warnt der Minister. Dem Bauernverbands-Generalsekretär ist es zu viel des Guten. Die Ausgleichsflächen würden auf Kosten der Landwirtschaftsflächen geschaffen – irgendwann bleibe für die Bauern nichts mehr übrig.

Ohnehin: Die Veränderungen kommen den Landwirten deutlich zu schnell – unter anderem bei der Düngeverordnung. Die Diskussion um das Ausbringen von Gülle und die Nitratbelastung im Grundwasser gerät dabei zum Streit. Dabei seien die Fakten klar, meint der Umweltminister. Nicht nur die Belastung im Grundwasser sei vielerorts in Schleswig-Holstein zu hoch, sondern auch in den küstennahen Gewässern. „Hierzulande wurde 20 Jahre lang verpennt, etwas dagegen zu unternehmen!“ Jetzt ziehe die EU aus der Tatenlosigkeit Konsequenzen und mahnt die Verschärfung der Verordnung an. Passiert weiterhin nichts, werde die EU Klage gegen Deutschland einreichen. Gersteuer hingegen erinnert daran, dass die Landwirte ihren Teil dazu beitragen – nämlich beim Schutz der Oberflächengewässer. Es gebe aber viele kleinere Betriebe, die eben beim Ausbringen von Gülle nicht von heute auf morgen vom „Prallteller“ auf die neueste Technik umrüsten können. „Genau diese Betriebe werden aufhören müssen“, warnt Gersteuer und fordert Fördermaßnahmen.

Auch beim Thema staatliche finanzielle Hilfen treffen völlig gegensätzliche Meinungen aufeinander: Habeck macht deutlich: „Es verbietet sich Geld zu geben und keine Kontrolle auszuüben.“ Gersteuer hingegen lehnt eine staatliche Einmischung ab, sieht bei den Landwirten „Freiheit und Verantwortung“.

Reaktion aus dem Publikum: Mehrfach gibt es ein Trillerpfeifenkonzert gegen den Minister, viel Beifall erhalten die Vertreter des Bauernverbandes. Bei aller Hitzigkeit der Diskussion hat Bauernvizepräsident Peter Lüschow aber auch Versöhnliches zu sagen. Vom Moderator befragt, was er an Robert Habeck mag, sagt er: „Dass wir miteinander reden können.“

Die 1200 Gäste dürften den Eindruck von Willi Scharf aus Fahrdorf teilen: „Noch nie war es so heftig wie heute. Aber es war eine wunderbare Diskussion.“

(sh:z – Holsteinischer Courier vom 05.02.2015 Text: Wolfgang Blumenthal)

 

 

Lautstarke Masse: 1200 Gäste – vornehmlich Bauern aus ganz Schleswig-Holstein – beim Landwirtschaftstag in Neumünster.

VR-Landwirtschaftstag
Tradition im achten JahrJedes Jahr ein „hochkarätig besetzter VR-Landwirtschaftstag“ – dies hat für die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Schleswig-Holstein inzwischen Tradition. Zum achten Mal haben sie in diesem Jahr ihre Kunden und Mitglieder in die Holstenhallen nach Neumünster eingeladen. „Die Veranstaltung bietet einen guten Rahmen zur Diskussion und zum Meinungsaustausch aus erster Hand“, sagt ein Sprecher der Volksbanken und Raiffeisenbanken (VR) e.V. Die VR Banken verstehen sich demnach als Partner der Landwirtschaft, „als Genossenschaftsbanken stellen sich ihrer Verantwortung für die Region und der Landwirtschaft“. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sehen sich dabei nicht zuletzt ein wichtiger Kreditgeber der Agrarbetriebe: So wuchs der Anteil der Agrarkredite an den Gesamtkrediten in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr um 88 Millionen Euro auf insgesamt 2,2 Milliarden Euro.